“Das Schmollen meiner Mutter bemerke ich bereits vor dem ersten ausgesprochenen Wort. Ich sehe es an ihrer Körperhaltung, daran, wie sie ihr Handy hält und mich über den Mundschutz hinweg anschaut. Ich sehe, dass sie einen schlechten Tag hat. Sie hat oft einen schlechten Tag, und seit meiner Kindheit graut es mir vor diesen schlechten Tagen.”
Aus dem Ungarischen von Eva Zador
Mizuko, oder auch Wasserkind. So nennt man in Japan die Totgeborenen. Mein Embryo hat keinen Namen. Abortus incompletus, oder auch inkomplette Fehlgeburt. Den lateinischen Ausdruck verstehe ich erst nach einigem Googeln. Ich sitze im Zug. Durch den Mundschutz beschlägt meine Brille, ich setze sie ab, wische sie mit dem T-Shirt sauber. Es ist warm, die verschwitzte Kleidung klebt mir am Rücken. Neben mir sitzt ein etwa fünf, sechs Jahre jüngerer Student, auf dem Schoß ein zugeschlagenes Buch, aus dem Buch schauen bunte Post-its hervor. Er scrollt Nachrichten auf seinem Tablet, ich lese mit, es fällt ihm nicht auf. Ich richte meinen Blick auf das Blatt in meiner Hand, lese es so, dass er nicht hineinschauen kann. Histopathologischer Befund steht da geschrieben.
Ich fahre zu meiner Mutter. Mein Mann ist nicht mitgekommen, ich wollte es auch gar nicht. Unsere Ehe ist seit Jahren zerrüttet. Ich wollte zu einer Paartherapie, er wollte ein Kind. Das beschreibt unsere Beziehung perfekt. Warum hat er geglaubt, dass ein Kind eine kaputte Ehe retten kann? Seit wann ist die Antriebsfeder zu meinem Handeln das, was er glaubt?
Auch eine Woche nach der Fehlgeburt habe ich Schmerzen im Unterbauch. Eine Binde in meinem Slip. Noch immer habe ich nicht alles ausgestoßen. Ausgestoßen, diesen Ausdruck lasse ich mir auf der Zunge zergehen. In der achten Woche hatte der Gynäkologe, ohne mich eines Blickes zu würdigen, die Ultraschallsonde in mir hin und her gedreht, ich musste extra nachfragen, ob ich tatsächlich schwanger sei, wir hörten uns die Herztöne nicht an, ich bekam kein Ultraschallbild. In der elften Woche verlor ich das Kind. Meine Freunde sagten, es sei besser so, das Embryo sei bestimmt krank gewesen. Keiner fragte mich, was für ein Gefühl das sei. Dabei hätte ich erzählt, dass mein Körper schon früher wusste, dass ich schwanger war, dass der Ultraschall das nur bestätigt hatte. Ich hatte die Beziehung gespürt. Jeden Morgen setzte sich in mir die innere Aufmerksamkeit in Gang. Sie scannte meinen Körper, ließ sich langsam hinabtreiben, sich immer mehr ausbreitend, und als sie fand, was sie gesucht hatte, berührte sie es. Ich hätte erzählen können, dass es in der halben Stunde vor der Blutung für mich nichts mehr zu berühren gab, dass ich lautlos auf dem Klo geweint hatte.
Mizuko kuyō, oder die Zeremonie, mit der man Abschied von den Wasserkindern nimmt. Ich finde im Internet Säuglingsplastiken mit rotem Lätzchen und Mütze.
Meine Mutter holt mich vom Bahnhof ab. Ich suche lange, wo sie geparkt hat, das Auto ist leer. Sie wartet am Fahrkartenschalter. Sie sitzt auf einer abgewetzten Metallbank, unter ihrem weißen, mit großen Blumen gemusterten Kleid sind ihre knochigen Schultern zu sehen, sie drückt ihre Beine an den Knöcheln aneinander, in dem Sommerkleid wirkt sie klein, wie ein Mädchen. Sie schmollt, weil wir einander verpasst haben. Ich stehe da, in der Hand der kleine Koffer, darin ausreichend Wechselkleidung für vier Tage und ein Roman. Ich presse die Lippen zusammen, muss mich daran erinnern, warum ich gekommen bin. Ich rufe mir unser letztes Telefonat in Erinnerung, den Tonfall, den ich bei ihr davor so selten erlebt habe. Wir hatten zusammen am Telefon geweint, sie hatte mir vorgeschlagen, sie zu besuchen, und ich spürte das Versprechen des Trostes in ihrer Stimme. Anteilnahme. Ja, was ich jetzt brauche, sind Anteilnahme und Erholung. Nicht mit meinem Mann in einem Bett schlafen zu müssen. Wenn ich in Tränen ausbreche, nicht gefragt zu werden, was passiert sei. Drei Wochen sind von der Feststellung der Schwangerschaft bis zur Fehlgeburt vergangen. Mein Umfeld hatte nicht einmal genügend Zeit, sich dessen bewusst zu werden, dass ich ein Kind erwartete. So hatte ich auch niemanden, mit dem ich meinen Schmerz teilen konnte.
Das Schmollen meiner Mutter bemerke ich bereits vor dem ersten ausgesprochenen Wort. Ich sehe es an ihrer Körperhaltung, daran, wie sie ihr Handy hält und mich über den Mundschutz hinweg anschaut. Ich sehe, dass sie einen schlechten Tag hat. Sie hat oft einen schlechten Tag, und seit meiner Kindheit graut es mir vor diesen schlechten Tagen.
Im Auto sagt sie das erste Mal etwas. Sie nimmt den Mundschutz ab, hält das Lenkrad mit beiden Händen fest, ihre Schultern sind angespannt, ängstlich schaut sie sich an der Kreuzung um, als würde sie das erste Mal Auto fahren. Als wir zu Hause ankommen, wird sie etwas lockerer. Sie zeigt mir ihre Blumen im Garten, sagt, dass sie gießen werde, wenn die Sonne untergehe. Wir gehen rein, sie stellt sorgsam ihre Schuhe in den Schuhschrank, schlüpft in die Hausschuhe. Auch ich suche meine Hausschuhe hervor, obwohl ich lieber barfuß wäre. Aber wenn ich das täte, würden meine Sohlen Spuren auf den Fliesen hinterlassen, und das mag sie nicht.
Meiner Mutter fällt ein, dass sie vor ein paar Minuten noch geschmollt hat. Das Haus ist ihr Reich, sie beschließt also, damit weiterzumachen. Wenn wir uns in Gesellschaft anderer treffen, ist sie offen, lächelnd. Vor Bekannten sogar humorvoll. Jetzt sagt sie kein Wort zu mir, schaut mich nicht an. Ich bin wütend, ich verstehe nicht, warum sie sich so benimmt, wenn doch sie es war, die mich eingeladen hat. Aber meine Wut ist stumm. Ich kratze mit dem Fingernagel des Zeigefingers an der Haut an meinen Daumen, ich rufe mir das in Erinnerung, was ich beim gewaltfreien Kommunikationstraining und bei der Psychotherapie gehört habe. Ich bedanke mich für die Einladung. Sage ihr, wie gut es mir tun würde, wenn wir uns ein wenig unterhalten könnten. Drücke meine Bedürfnisse offen aus. Doch auch damit unterwerfe ich mich nur. Bettle. Als ich das erkenne, werde ich noch wütender; lieber trage ich den Koffer in mein altes Zimmer hoch und packe aus. Ich hänge meine Sommerkleider an den Kleiderständer und lege mein Nachthemd aufs Bett. Auf dem Bett frische Bettwäsche, auf dem Bezug stilisierte Tiere. Dieser Bettbezug stammt noch aus meiner Kindheit.
Später begleite ich meine Mutter in den Garten. Sie bückt sich, gießt das Wasser unmittelbar auf die Erde, unter die Blätter. Ich biete ihr meine Hilfe nicht an, es ist nicht ihre Art, sie anzunehmen. Ich schaue ihr von der Hollywoodschaukel aus zu. Ziehe die Beine unter mich, meine Hand auf dem Unterbauch. Ich schaukele mich. Während sie sich mit den Pflanzen beschäftigt, vergesse ich ihr Schmollen. Ich freue mich, hier zu sein, die ruhige Umgebung, das abendliche Vogelgezwitscher entspannen mich. Auch meine Mutter entscheidet, mich genug gestraft zu haben.
Danach verbringen wir zwei gute Stunden, auch wenn wir kein Wort über die Fehlgeburt verlieren. Dabei wünsche ich mir nichts mehr als Trost. Auch sie war schwanger, sie weiß, wie das ist. Ich glaube fest daran, dass sie in der Lage ist, meinen Verlust nachzuempfinden, auch wenn sie nie eine Fehlgeburt hatte. Ich brauche sie, um endlich zu versuchen, all das, was ich durchlebt habe, in Worte zu fassen. Sie erzählt von ihrer Arbeit, von den Kollegen. Berichtet von einem Flirt mit einem Mitarbeiter, lacht mit der Hand vor dem Mund, schamhaft, ihre Augen strahlen. Als ich reagiere, kommt es mir vor, als würde sie besser aufpassen als bisher, meine Witze amüsieren sie. Ich freue mich über ihr Aufmerksamkeit, werde immer enthusiastischer. Dann ist sie plötzlich müde. Sie stützt den Kopf auf ihre winzige Faust, auf ihrem Gesicht werden die Falten tiefer, ihr Haar ist zerzaust. Sie wird quengelig. Beginnt Spiele zu treiben: kommt mit Themen, über die wir immer in Streit geraten. Warum ich so weit weggezogen sei; warum ich gerade den Mann geheiratet hätte, den sie nicht mochte. Ich lasse mich nicht darauf ein; ich wünsche ihr eine gute Nacht und will in mein Zimmer gehen. Sie klagt über Kopfschmerzen, sie wünscht mir keine gute Nacht.
Am nächsten Tag wacht meine Mutter erst spät auf. Ich mache Frühstück. Habe Hunger, warte aber lieber: Sie wäre beleidigt, würde ich ohne sie essen. Ich fange auf meinem Smartphone eine japanische Zeichentrickserie an, die Geschichte spielt irgendwann Ende der Edo-, Anfang der Meiji-Zeit. Mir gefällt die Grafik, sie erinnert an die visuelle Kunst jener Epoche. Sie handelt von Mononoke, den Rachegeistern der japanischen Folklore. Eine schwangere Frau sucht in einer Wirtschaft Zuflucht. Die Wirtschaft war früher ein Bordell gewesen, bei den Prostituierten hatte man Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Die schwangere Frau beschließt, auch den wiederkehrenden Seelen der abgetriebenen Embryos ein Leben zu schenken. Ich kann die Serie nicht weitergucken, sie wühlt mich auf. Lieber klopfe ich bei meiner Mutter an.
Sie ist fiebrig, müde, hat immer noch Kopfschmerzen. Ich koche ihr Tee, suche das fiebersenkende Mittel hervor. Bringe ihr das Frühstück. Ich setze mich auf ihr Bett, esse mit ihr zusammen. Sie fragt mich, ob sie meiner Meinung nach Corona habe. Meine Mutter denkt immer gleich an das Schlimmste. Als ich Kind war, habe ich alle meine Sommerferien in Arztpraxen verbracht, sie schleppte mich zur Blutabnahme, zum Ultraschall, weil sie sich sicher war, ich würde sterben. Auch sie selbst musste ich regelmäßig beweinen. Ich bin mir sicher, sie hat kein Corona. Nachdem ich ihr das gesagt habe, beachtet sie mich nicht mehr.
Nach dem Frühstück gehe ich spazieren. Ich bin unruhig, in Gedanken nehme ich diese Unruhe in die Hand, wende sie hin und her. Suche den Schlüssel zu ihr. Ich erkenne, dass ich Groll hege. Gestern bin ich angekommen, am Abend des vierten Tages werde ich nach Hause fahren. Von den vier Tagen sind schon anderthalb vorbei. Ich will, dass sich meine Mutter mit mir beschäftigt. Dadurch fühle ich mich wie ein egoistisches kleines Kind, beschließe aber, mir das zu verzeihen. Wann sollte ich sonst egoistisch sein, wenn nicht jetzt?
Später koche ich uns etwas zu Mittag. Meine Mutter schläft noch immer. Mir ist langweilig, ich krame in meinem alten Zimmer herum. Ziehe die Schubladen heraus, schaue in die Schränke. Es ist kein einziges Spielzeug oder Buch aus meiner Kindheit mehr da, meine Mutter hat alles weggeworfen oder verschenkt. In ihrem Zimmer hängt ein gerahmtes Foto von mir als Kindergartenkind an der Wand, ich lächle, vorne fehlen mir zwei Zähne. Meine Mutter entscheidet, was von meiner Kindheit bleibt. Meine Worte haben keine Kraft.
Ich setze mich aufs Bett, betrachte mein Zimmer. Ich komme zu dem Schluss, dass ich, wenn es ihr bis zum Abend nicht besser geht, den Bereitschaftsdienst anrufen muss. Würde sie denn, wenn sie nicht krank wäre, Energie für mich aufbringen? Wollte sie mich wirklich trösten? Seit wann ist die Antriebsfeder für mein Handeln das, was sie will?
Der Hausarzt kommt nicht, er sagt, am nächsten Tag komme statt seiner ein Krankenwagen und wir sollten nirgendwohin gehen. Meine Mutter hustet nicht einmal, und mir fehlt gar nichts, ich diskutiere mit ihm. Ich frage, ob wir jetzt beide in Quarantäne seien, doch auch er kennt die Antwort nicht.
Ich bin gezwungen, meiner Mutter von den Entwicklungen zu berichten. Danach klagt sie über noch stärkere Kopfschmerzen. Sie möchte noch einen Tee, diesmal mit frisch gepresster Zitrone. Einen Umschlag auf die Stirn. Während ich das Handtuch nass mache, überlege ich: Ist es nicht egal, wenn wir in Quarantäne kommen? Außer mir gibt es sowieso niemanden, der sie pflegen könnte. Erst Stunden später kann ich endlich allein sein. Ich sitze auf dem Bett mit Tiermuster, höre dem abendlichen Vogelgezwitscher, das von draußen hereindringt, dem Ticken der Wanduhr aus dem Nachbarzimmer zu. Ich brülle in mein Kissen.

Geboren 1990 in Budapest. Er schreibt Kurzgeschichten und Gedichte; unter anderem veröffentlichtete er in der ÉS, auf der Webseiten der Irodalmi Szemle und der SZIFONline. Er ist Mitglied des Online-Workshops Akadálymentesített jelenlét (Barrierefreies Präsenz) von der FISZ (Vereinigung Junger Schriftsteller:innen). Er lebt seit 2020 in Deutschland.
Die auf der Seite sichtbaren Grafiken sind von Nikolett Kozak und Atanaz Talos. Die Kurzgeschichten wurden aus dem Ungarischen von Eva Zador übersetzt.
“Ich habe keine Ahnung, wann es in mich zog. Ich erinnere mich nicht, wann ich es das erste Mal auf meinen Schultern erblickte. Ich wollte es mehrmals runterzerren, aber es entglitt meinen Händen. Ich zerkratzte meine eigene Haut. Ich ohrfeigte mich selbst. Ich versuchte darüber zu reden, aber es blies meine Worte fort, wie den Flaum der Pusteblume.”